Hör mal

52 weeks of music – The Calendar Song von Boney M.

Jede Woche gibt es hier ein neues Lied, von mir ausgesucht und von meinem Schatz in einem Gastbeitrag beschrieben/besprochen. Daraus entstehen dann 52 Weeks of Music. Die gesamte Playlist gibt es schon auf Spotify (52 weeks of music). Alle Beiträge hier im Blog findet ihr unter 52weeksofmusic.

Woche 8: Boney M., The Calendar Song

The Calendar Song bei Spotify

January, February, March, April, May
June, July
August, September, October
November, December

Lieber Frank Farian,

Deinen Platz unter den ganz Großen der Musikhistorie hast Du eingenommen. Wie kann Dein Opus insgesamt und dessen Kronjuwel Boney M. jemals in seiner ganzen Magnitude gewürdigt werden?

Wohl nur, wenn man die Krönungsmesse von Boney M., den „Calendar Song“, in Relation zu vergleichbaren Werken setzt, sowohl musikalisch als auch textlich, und sich an die Frage herantraut: Welches andere Musikwerk setzt sich in dieser Tiefe mit dem Jahresverlauf auseinander? Und wo wird die Abgründigkeit der schlussendlichen Erkenntnis ebenso deutlich?

Vom umfassenden Anspruch ist es am ehesten Antonio Vivaldi in seinen „Vier Jahreszeiten“, zum Hineinhören sei hier L´inverno anempfohlen; der Frühling ist noch nicht da. Allerdings irritiert Vivaldis Sprunghaftigkeit, seine letztlich inkohärent aneinandergeschusterten Einzelconcerti, die historisch betrachtet aus Sicht des Großbürgers Vivaldi, der zu seiner Zeit der bekannteste Musiker Europas war, nur vermeintlich die Unterschiedlichkeit der Jahreszeiten nachempfindet, die auch schon im ausgehenden 18. Jahrhundert in den europäischen Metropolen, in denen Vivaldi verkehrte, nichts mehr von ihrer elementaren Wirkung auf den Menschen hatten. Wie geerdet nimmt sich dagegen die geradlinige und stetige, der unaufgeregten Gleichförmigkeit der Monate in der modernen Gesellschaft eines westlichen Entwicklungslandes entsprechende Wiederholung des Themas im „Calendar Song“ aus, das beruhigende Gefühl von Kontinuität durch die Zeit vermittelnd. Oder?

September, October, November

Mit Blick auf ihre singuläre Betrachtung einzelner Jahreszeiten können andere Werke im Vergleich zum „Calendar Song“ nur als Versatzstücke betrachtet werden. So etwa die Herbstsymphonie von Joseph Marx, hier daraus deren 3. Satz „Herbstgedanken“. Der Komponist wollte augenscheinlich die Stimmungen wiedergeben, die das Gemüt des Menschen im Herbst bewegen. Es bleibt jedoch Stückwerk, das durch musikalischen Bombast – die „Herbstsymphonie“ gehört mit einem überproportionierten Orchester zu den am üppigsten besetzten symphonischen Werken der Musikgeschichte, man stelle sich das vor – an Bedeutung gewinnen soll. Gradezu wohltuend schlicht nimmt sich dagegen der Klang der einzelnen Steeldrum, eines reduzierten Bläsersatzes, der Standard-Saiteninstrumente (E-Gitarre, Bass) und des harmonischen vierstimmigen Gesangs der Ausnahmekünstler von Boney M. und ihrer Begleitband aus.

June, July

August

Immer weiter von der allumfassenden Urgewalt der Farianschen Produktion entfernen sich Musikstücke, die nur noch in ihrer Entstehungsgeschichte einem bestimmten Zeitraum im Jahr zuzuordnen sind, wie etwa die im Sommer entstandene 8. Symphonie von Gustav Mahler, hier aus deren Zweiter Teil, der Vertonung der Schlussszene aus Goethes Faust, das scherzhafte Piu mosso; oder die in den Sommermonaten 1875 komponierte 5. Symphonie von Antonin Dvorak, in deren 3. Satz sich ein veritables Allegro scherzando findet. Ob scherzhaft oder scherzando, in ihrer Wirkmacht stehen beide Werke deutlich hinter der subtilen Leidenschaft des Reggaes und seiner unmittelbaren Auswirkung auf die Befindlichkeit des Hörers zurück.

January, February, March, April, May
June, July
August, September, October
November, December

Jedes einzelne Wort der Strophen und des Refrains sitzen im „Calendar Song“ an der richtigen Stelle. Ohne erhebliche Einschränkungen lässt sich nichts wegnehmen, jede Hinzufügung wäre sinnentstellend. Ein Werk, das wenigstens der lyrischen Anmut des Textes das Wasser zu reichen vermag, findet der Aficionado wohl nur in Wilhelm Müllers Liederzyklus „Winterreise“, so herrlich vertont von Franz Schubert. Die Anfangszeilen des 10. Liedes „Rast“, in dem das lyrische Ich ermattet seine Reise unterbricht („Nun merk ich erst, wie müd ich bin“), nehmen die Gedanken und Gefühle des Zuhörers der Farianschen Parabel auf die Zeitläufte vorweg. In puncto Präzision und Stringenz fasert jedoch auch der Liederzyklus auseinander, verliert sich in der Ambivalenz zwischen Reise und Rast und kann daher in dem Ringen um eine sprachliche Klarheit nur verlieren.

In der historischen und vergleichenden Musikwissenschaft gibt es nur ein kontemporäres Werk, das dem „Calendar Song“ auf Augenhöhe begegnen kann: Es ist Rolf Zuckowskis „Die Jahresuhr“. Augenscheinlich finden sich zwischen diesen beiden Meilensteinen der zeitgenössischen Musik nur wenige Gemeinsamkeiten. Und doch: Dort, wo es dem Zuckowski an textlicher Effizienz mangelt, zeigt er eine beträchtliche Fingerfertigkeit, mit wenigen Strichen eine greifbare, gleichwohl phantasievolle Parabel auf die Wiederkehr der Jahresabschnitte als perpetuum mobile der Zeit zu zeichnen. Lässt sich der Zuhörer auf das Gleichnis ein, führt auch der von Zuckowski ausgelegte Ariadnefaden zur Erkenntnis einerseits, dass die zeitlichen Unterteilungseinheiten in von Menschen gemachten Ordnungssystemen zementiert sind und andererseits, dass diese Einheiten über – je nach Empfinden – kurz oder lang verstreichen. Die Einfachheit, aber auch die Radikalität dieser Erkenntnis wird umso intensiver wahrgenommen, als dass – musikalisch raffiniert – „Die Jahresuhr“, im Kleid einer Kindermelodie daherkommend, eine ebenso unschuldig-verklärte Grundstimmung beim Hörer hervorruft wie der „Calendar Song“. Hier ist sie, die Abgründigkeit, das gleichsam Kafkaeske: Auf den ersten Blick simpel daherkommend, verräterisch heiter oder kindlich-naiv, vermitteln beide Werke die zutiefst wahre Botschaft, dass die Monate vorbeigehen und die „Jahresuhr niemals still“ steht. Und so vergeht sie, unsere Zeit.

The time is gone, the song is over (aus der heutigen Singempfehlung „Time“ von Pink Floyd).

Text von Calendar Song zum Nachlesen

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