Hör mal

52 weeks of music – Thunder Road von Bruce Springsteen

Jede Woche gibt es hier ein neues Lied, von mir ausgesucht und von meinem Schatz in einem Gastbeitrag beschrieben/besprochen. Daraus entstehen dann 52 Weeks of Music. Die gesamte Playlist gibt es schon auf Spotify (52 weeks of music). Alle Beiträge hier im Blog findet ihr unter 52weeksofmusic.

Woche 15: Bruce Springsteen, Thunder Road

Thunder Road bei Spotify

Oh oh oh oh, Thunder Road
Oh, Thunder Road, oh, Thunder Road

Lieber Bruce Springsteen,

über „Thunder Road“ ist alles gesagt, geschrieben, gesungen. Willst Du auch noch was von mir dazu lesen?

Die 90er hatten gerade angefangen, da ging einer von uns zum Schüleraustausch in die USA. Um ihn kulturell bestmöglich darauf vorzubereiten, schenkten wir ihm „Bruce Springsteen & the E Street Band Live 1975-85“. Mehr Amerika ging nicht. Und besser ging es auch nicht: In dieser 3er CD-Box waren die besten Sachen von Springsteen drin und die weniger guten Alben ohne die E Street Band noch nicht. Verpackt war das Ganze in einer LP-großen Kiste mit Extra-Booklets und allem Schnickschnack, weshalb das Set auch um die 100,- DM kostete. Das war damals viel Geld, wir hatten dafür zusammengelegt und ich hätte so ein Abschiedsgeschenk auch gern bekommen. Aber ich bin ja nicht zum Schüleraustausch gegangen, sondern in die 11. Klasse und dann auch noch in Ausweichräume in einer nahegelegenen Grundschule, weil an unserer Schule irgendwas renoviert oder saniert oder abgerissen wurde.

Kurze Zeit später schloss die an einer Wiesbadener Ausfallstraße gelegene Filiale eines Elektrohandels. Weil die Angestellten sich eher mit Großgeräten als mit Musik-CDs auskannten und die Auszeichnung „Jede CD für 5,- DM!“ auch für Mehrfachalben galt, habe ich die „Bruce Springsteen & the E Street Band Live 1975-85“-Box (allerdings ohne Kiste und Schnickschnack) für 5,- DM bekommen. Ein größeres Ungleichgewicht zwischen gezahltem Preis und erhaltener Ware habe ich seitdem nicht mehr erlebt.

The screen door slams. Mary’s dress waves.

Wie das Ursprungsalbum „Born to run“ von 1975 eröffnet auch das große Live-Album der frühen Springsteen-Jahre mit „Thunder Road“, schnörkellos angesagt mit „Ladies and Gentlemen, Bruce Springsteen and the E Street Band“. Was dann kommt, ist Rockgeschichte, Roy Bittans sanfte Piano-Eröffnung, Springsteen Mundharmonika und je nach Fassung eine ganz unterschiedliche Steigerung: Die Live-Fassung ist eher „unplugged“, mit einem Glockenspiel als krönendem Abschluss, auf der Studiofassung ist Clarence „The Big Man“ Clemons‘ Saxophon schon früh mit von der Partie und am Ende kommt Roy Bittan mit tschaikowskihafter Heftigkeit zum Zug (zum Vergleich das Klavierkonzert Nr. 1 in b-moll). Springsteen selbst meint dazu, der Song sei offensichtlich ein „Opener“; gesagt hat er das in einem Interview mit dem „Rolling Stone“, zu finden in der eigenen Rubrik „100 Greatest Bruce Springsteen Songs of All Time„, in der u.a. Jackson Browne, Edward Norton und Tom Morello ihre Sicht zu Springsteen Songs mitteilen. So viel zu dem Thema.

Halt, noch nicht ganz, da wäre ja noch Nick Hornby, dieser „große Moralist der Popliteratur“ (Süddeutsche), der „voll okaye, der von allen so herzlich gemochte englischen Schriftsteller“ (DIE ZEIT) bzw. der Mann, der mit „Fever Pitch“ und „High Fidelity“ lebenswichtige Romane geschrieben hat – der ist natürlich Fan, war schon 1980 auf einem Springsteen-Konzert und hat selbstredend einen Essay über „Thunder Road“ verfasst (s. Nick Hornby, „31 Songs“, es ist der erste Beitrag [sic!] nach dem Vorwort). In dem Essay geht es übrigens auch nur am Rande um den Song selbst. Jedenfalls schreibt Nick Hornby: „Thunder Road ist überfrachtet, sowohl vom Text her (…) wie musikalisch – immerhin, Jim Steinman und Meat Loaf haben auf diese Vierdreiviertelminuten eine ganze Karriere aufgebaut.“ Er wird es wissen: Nick Hornby schreibt einen Absatz vorher, dass er diesen Song „häufiger gehört [hat] als jeden anderen“ und er ihn sage und schreibe „1500-mal aufgelegt habe (etwas mehr als einmal pro Woche in fünfundzwanzig Jahren, das kommt ungefähr hin, wenn man das Mehrfachhören in den ersten Jahren berücksichtigt)“. Sei es wie es sei, in den frühen Darbietungen wie der Live-Fassung 1975 aus dem Hammersmith Odeon, London oder bei der deutlich späteren In Concert MTV Plugged-Aufnahme von 1992 ist das Überfrachtete eher sparsam und da bin ich mir mit Nick (Springsteen-Fans duzen sich. Alle.) zumindest teilweise einig – das sind die besseren Versionen.

Except roll down the window and let the wind blow back your hair
Well, the night’s busting open, these two lanes will take us anywhere

Beim Text kann ich nicht so richtig beurteilen, ob er überfrachtet ist oder ob Mittzwanziger in den 70ern in den USA halt so drauf waren – das behauptet Springsteen jedenfalls in dem Rolling Stone-Interview (s. oben). Denen ging es tatsächlich mehrstenteils um Abhauen, die Liebste mitnehmen, die offenen Straßen und so weiter. Zumal das je nach musikalischer Interpretation auch variieren kann; laut dem ebenfalls schon zitierten Nick Hornby „erschafft [Springsteen] „Thunder Road“ neu als selbstquälerische, erschöpfte Hymne auf die Vergangenheit, eine verlorene Liebe, verpasste Gelegenheiten, Selbsttäuschung, Pech und Versagen“. Vielleicht doch ein bisschen überfrachtet. Erst recht, wenn man jetzt ein paar Dinge zusammenführt: In dem ehemaligen Elektrogeschäft an der Ausfallstraße aus Wiesbaden heraus ist jetzt eine McFit-Niederlassung. Das hat was von Niedergang, ist aber schlecht vergleichbar mit „skeleton frames of burned-out Chevrolets“ oder der „graduation gown (…) in rags at their feet“ und überhaupt dieser „romantischen Untergangsstimmung 1975“ (Hornby), aus der Bruce Springsteen seine Inspiration bezogen hat. Ganz in diesem Sinne:

It´s a town full of losers and I´m pulling out of here to win.

Nicht mein Text an der Stelle. Für Wiesbaden trifft eher „It’s a town full of Rentner“ zu, aber in den letzten fünf Jahren hat der Anteil der Unter-18-Jährigen in der Wiesbadener Bevölkerung um 0,4% zugenommen und liegt mittlerweile bei 17%. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp über 40 Jahren, ich bin damit quasi der Durchschnittswiesbadener. Dann kann ich doch hier nicht wegmüssen, um es zu schaffen. Außerdem habe ich das ungute Gefühl, dass ich dafür dann doch zu alt bin.

So you’re scared and you’re thinking that maybe we ain’t that young anymore.

Genau, Bruce. Das sind sie, die Momente, in denen Du doch irgendwie aus „unserem“ Leben erzählst. Klar ist „Thunder Road“ erschienen, als ich noch seeehr jung war, aber geschenkt. Eine Gitarre habe ich auch und ich habe gelernt, wie man sie sprechen lässt („I got this guitar and I learned how to make it talk“), auch wenn sie in meinem Fall stottert und keinen klaren Satz rausbringt. Ein Held bin ich genausowenig wie Du („Well I’m no hero that’s understood“) und irgendwie hinkriegen werde ich es auch („with a chance to make it good somehow“).

Ooh, and that’s alright with me

Du sagst es.

 

(P.S: Nach Springsteen muss man immer noch mehr Springsteen hören. Unbedingte Hörempfehlung: No surrender. This one is for friendship.)

Text von Thunder Road zum Nachlesen

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