Hör mal

52 weeks of music – True Colors von Tom Odell

Jede Woche gibt es hier ein neues Lied, von mir ausgesucht und von meinem Schatz in einem Gastbeitrag beschrieben/besprochen. Daraus entstehen dann 52 Weeks of Music. Die gesamte Playlist gibt es schon auf Spotify (52 weeks of music). Alle Beiträge hier im Blog findet ihr unter 52weeksofmusic.

Woche 16: Tom Odell, True Colors

True Colours bei Spotify

But I see your true colors
shining through

Lieber Tom Odell,

Du bist ohne Zweifel ein sehr talentierter Songwriter. Was ist für Dich der Grund, fremde Songs zu covern?

Die Musikszene hierzulande ist gegenwärtig in Aufruhr. Musikliebhaber, Musikschaffende und Musikjournalisten sind konsterniert, die Situation ist geprägt von gegenseitiger Skepsis. Grund für diese tiefe Verunsicherung ist ein Fernsehbeitrag des renommierten Kulturkritikers und Intellektuellen Jan Böhmermann in seiner Sendung Neo Magazin Royale, in der er die Strukturen und Mechanismen der deutschsprachigen Musikindustrie aufdeckt und ad absurdum führt.

It’s hard to take courage
In a world full of people

Das Misstrauen gegenüber all jenen hinter den Kulissen einer mit sinkenden Einnahmen kämpfenden Industrie hat mich auch ergriffen. Was steckt hinter einem Song, insbesondere dann, wenn es eine Coverversion – also ein „fremder“ Titel, den sich der Künstler mit vergleichsweise wenig kreativem Aufwand zu eigen macht – ist? Warum gehen Menschen, die ja in der Lage sind, aus nichts etwas zu schaffen, diesen einfacheren Weg?

Bei Tom Odell scheint die Erklärung relativ einfach: Seine Ballade „Another Love“ von der Debüt-EP „Songs from Another Love“  wurde 2013 in einem T-Mobile-Spot verwendet. Ein Jahr später coverte Odell den Beatles-Songs „Real Love“ für die Weihnachtskampagne der britischen Kaufhauskette John Lewis. Und 2016 hat er dann eben „True Colors“ für die Sony Bravia-Kampagne aufgenommen. Das sieht schon nach einem Muster aus.

Andererseits: Solange neue, aufregende oder berührende Versionen von längst bekannten Liedern von neuen, aufregenden und talentierten Künstlern aufgenommen  werden, ist mir die Motivation letztlich egal. Ob es aus Verehrung für einen bestimmten Musiker oder aus kommerziellen Interessen passiert –  Hauptsache ist doch, dem Publikum wird nichts vorgemacht. Das war doch das Bemerkenswerte an den Böhmermannschen Enthüllungen: Kreative setzen sich vor irgendwelche Kameras oder diktieren den Schreiberlingen in die Feder, wie hold ihre Absichten seien und sie alles aus Liebe zur Musik/zur kreativen Selbstverwirklichung/für Mutti täten (s. dazu auch den Beitrag in diesem Blog zu Max Giesinger [fun fact: Die Autokorrektur von WordPress macht aus Giesinger „Gieriger“ – sic!]). Ich weiß nicht, wie Tom Odell damit in der Öffentlichkeit umgeht, aber wenn er sich hinsetzt und einfach verkündet „Ich mache es wegen der Kohle“, finde ich das legitim und völlig in Ordnung.

So don’t be afraid to let them show
Your true colors

Ach, vielleicht sollte man nicht immer so genau nachfragen. Hat damals bei einem anderen Sänger auch niemand gemacht. Phil Collins – dem Kommerz ebenfalls nicht ganz abhold – hat das Lied schon 1998 gecovert. Seine Version erinnert aber eher daran, dass in den 90ern so ziemlich alles mit demselben Beat unterlegt wurde und wir ansonsten ja nicht viel hatten. Historisch ganz interessant, aber da gefällt mit die Fassung von Tom Odell doch erheblich besser.

Und geht es bei Musik nicht einfach nur darum, zwischen dem ganzen Mist ab und an mal einen guten Song zu hören?

Um diesen Beitrag besser zu verstehen, sollte man den grandiosen Song Menschen Leben Tanzen Welt einmal hören. Für die, die den Hintergrund nicht kennen (Link zum Beitrag siehe oben): Das Team vom Neo Magazin Royale hat den Text von fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo zusammenstellen lassen. Und zwar den gesamten Text. Mir ist das beim ersten Hören erst irgendwo in der zweiten Strophe aufgefallen, vorher waren mir selbst Textzeilen wie „Das Schwarze mit der blonden Seele“ (aus der Werbung für Köstritzer Schwarzbier) komplett durchgerutscht.

Show me a smile then,
Don’t be unhappy

Die unbedingte Hörempfehlung führt aber zurück zum Ursprung des Liedes, schließlich stammt das aus dem Oeuvre der Altmeisterin Cyndi Lauper. In ihrer mittlerweile 30 Jahre andauernden Karriere hat sie selbst ihre Lieder immer wieder neu interpretiert und für die nächste Generation zugänglich gemacht. Ein Beispiel dafür ist der Song She bop, nach meinem Dafürhalten ihr bester. Die Unterschieden zwischen der 80er Extended Version und der Body Acoustic-Fassung sind allemal hörenswert.

PS: Das alte Gebäude aus dem Sony Bravia-Spot (s. oben) steht übrigens in Rumänien. Was für eine Vorlage! Rumänien ist das Geburtsland von Peter Alexander Makkay, der unter seinem Künstlernamen Peter Alexander – falsch, Peter Maffay zu einem der „erfolgreichsten deutschsprachigen (Blues)Rock- und Popmusiker“ (Wikipedia-Eintrag) wurde. Sicher, wer denkt bei So bist Du, Nessaja oder dem Klassiker Und es war Sommer nicht sofort an die Stones oder Rory Gallagher? Ganz fair ist das aber nicht, sowas wie Samstag Abend in uns’rer Straße („Sie trägt die Haare wie die Monroe und ist auch immer so“) oder Wenn die Stummen reden würden („Und am Abend dann zwischen Kinderfunk und Sport kommen dann im Fernsehn die Mörder zu Wort“) sind zwar gleichermaßen textlich schwer erträglich, aber musikalisch einwandfrei Bluesrock. Zur Hörempfehlung taugt das alles aber trotzdem nicht.

Text von True Colors zum Nachlesen

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