Schreiben

52 weeks of music – Les Champs-Elysées von Joe Dassin

Jede Woche gibt es hier ein neues Lied, von mir ausgesucht und von meinem Schatz in einem Gastbeitrag beschrieben/besprochen. Daraus entstehen dann 52 Weeks of Music. Die gesamte Playlist gibt es schon auf Spotify (52 weeks of music). Alle Beiträge hier im Blog findet ihr unter 52weeksofmusic.

Woche 22: Joe Dassin, Les Champs-Elysées

Les Champs-Elysées bei Spotify

Ich ging allein durch diese Stadt,
die allerhand zu bieten hat.

Liebe Musikfreunde,

der Text von „Les Champs-Elysées“ ist so wunderbar romantisch, impulsiv, leidenschaftlich und poetisch. Aber wer versteht ihn schon?

Für alle Nicht-Frankophonen unter uns: Es gibt zum Glück eine deutsche Fassung von Les Champs-Elysées. Musikalisch orientiert sich diese Fassung wie so viele andere weitgehend am Original, die verschiedenartigen Nuancen im Arrangement können hier dahinstehen. Aber der Text… Der geht irgendwie in die Richtung des Originals und ist doch meilenweit entfernt davon. Kurze Kostprobe?

Je m’baladais sur l’avenue le cœur ouvert à l’inconnu
J’avais envie de dire bonjour à n’importe qui
N’importe qui et ce fut toi, je t’ai dit n’importe quoi
Il suffisait de te parler, pour t’apprivoiser

Übersetzung aus dem Schulfranzösischen: Der Verfasser spaziert über die Avenue, das Herz offen für das Unbekannte, und verspürt die Lust, zu irgendjemandem „Guten Tag“ zu sagen. Das Irgendjemand ist dann der oder die Eine, letztlich war es dann auch gar nicht so wichtig, was gesagt wurde, allein das Ansprechen reichte aus, um die Zufallsbekanntschaft für sich zu gewinnen. Ende der ersten Strophe.

Im deutschen Text wird eine ganz andere Geschichte erzählt:

Ich ging allein durch diese Stadt, die allerhand zu bieten hat,
da sah ich Dich vorüber gehn und sagte: ”Bonjour”.
Ich ging mit Dir in ein Café, wo ich erfuhr, Du heißt René.
Wenn ich an diese Stunde denke, singe ich nur:

Wir halten hier das Band kurz an. Der deutsche Text enthüllt das Geheimnis einer erfolgreichen Anmache: Gezielte Ansprache, ab ins Café, Name, Anschrift, Rentenversicherungsnummer – und dann der Refrain. Und auch hier offenbaren sich im direkten Vergleich kleinere Abweichungen, die im Ganzen dann aber eine fulminante Wirkung entfalten:

Aux Champs-Elysées, aux Champs-Elysées:
Au soleil, sous la pluie, à midi ou à minuit
Il y a tout ce que vous voulez aux Champs-Elysées

Kurze Zusammenfassung auf deutsch: Auf den Champs-Elysées gibt es bei Sonnenschein und Regen, um Mitternacht oder mittags alles, was vous voulez.

Und so hat es der deutsche Textdichter gesehen:

Oh, Champs-Elysées, oh, Champs-Elysées
Sonne scheint, Regen rinnt
Ganz egal, wir beide sind
So froh wenn wir uns wiedersehn, oh Champs-Elysées

Sonne scheint, Regen rinnt. Da ist was Wahres dran. Und jemand ist froh, wenn er den anderen wiedersieht. Der Verfasser die Avenue? Die Straße den Menschen? Oder doch nur der eine den anderen? Entweder ist das so was Existenzialistisches oder was Zwischenmenschlich-Zweisames; jedenfalls ist es irgendwie fokussierter, enger – deutscher?

Und mit dieser feinen Nuancierung erzählen die beiden Fassungen letztlich ganz unterschiedliche Geschichten:

Der Franzose tanzt und singt mit seinem Gegenüber und denkt sich gar nichts weiter dabei. Plötzlich ist die Nacht vorbei und am Morgen stolpern zwei – gestern Abend noch Unbekannte, heute morgen Liebende – kopflos über die Avenue, während die ersten Vögel des Tages von der Liebe trällern…

Sein deutsches Pendant schaut auf die Uhr, als sie die Bar verlassen („zehn nach drei“), er verabschiedet sie oder ihn, weil irgendjemand irgendwohin fahren muss und trotzdem ist es das ganz große Ding aka „eine Liebe, die hält hundert Jahr“. Ein Mittelding aus Zugfahrplan und Grundbucheintrag. Aux Champs-Elysées.

Bitte nicht falsch verstehen: Wir hatten ja früher nichts, was dem Musikfreund Songtexte erklären konnte. Keine Website mit den Originaltexten und den entsprechenden Übersetzungen oder gleich Königs Erläuterungen-ähnlichen Fertiginterpretationen. Nur die eigene Deutung, gepaart mit der Sprachbarriere, dem fehlenden historischen Kontext usw.; so konnten unter anderem Verhörer erst entstehen (s. dazu die umfassende Sammlung auf kissthisguy.com oder natürlich Axel Hackes Der weiße Neger Wumbaba). Deutsche Texte haben damit ganze Musikwelten erschlossen, noch bevor es mit dem deutschen Musikwesen wieder bergab ging (s. dazu den Beitrag zu Max Giesinger und den, in dem Jan Böhmenmann vorkommt). Und das war auch, naja vielleicht nicht gut, aber wenigstens okay so.

Und damit ist dieser Beitrag eigentlich eine Huldigung einer fast vergessenen Spielart künstlerischen Schaffens: Der deutschen Fassung internationaler Hits. Hauptsächlich geht es – wie oben – um den Text und weniger die – in den meisten Fällen sehr ähnliche – musikalische Gestaltung; auf unterschiedliche Fassungen bekannter Songs bin ich im einzelnen schon eingegangen (u.a. in den Beiträgen zu Are you with me oder zu Mr. Brightside) und im übrigen könnte man damit einen ganzen eigenen Blog füllen. Aber diese textliche Fülle! Wie etwa bei der deutschen Fassung von Kenny Rogers‘ Lucille, in der Michael Holm – Poet der Straße – völlig ironiefrei fragt „Musst Du jetzt gerade gehen, Lucille?“ und die damit zu den 12 deprimierendsten Songs der letzten 50 Jahre gehört. Die eingedeutschte Fassung hält sich inhaltlich einigermaßen an das Original, das ist das eine Ende des Spektrums. Andere Texte entfernen sich etwas weiter von der Vorgabe, wie etwa Ganz oder gar nicht von Wolfgang Petry, das mit dem Ten O’Clock Postman von Secret Service zwar musikalisch identisch ist, aber sonst nur das Thema „Was ist eigentlich mit Dir/ihr?“ gemeinsam hat.  Und es geht noch viel weiter. Oder wer erkennt in It’s a heartache von Bonnie Tyler inhaltlich schon die Vorlage zu Lass mein Knie, Joe von Wencke Myhre? Klar geht es in beiden um unglückliche Beziehungen, aber die fühlbare Resopal-Schmierigkeit der späten 70er/Anfang 80er-Jahre-Kneipe der deutschen Fassung macht es irgendwie speckiger.

Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Um die Extreme kennenzulernen, reicht ein Blick auf hessische Ausnahmekünstler (dieses Mal echte Hessen, nicht wie Rea Garvey):  Geradezu penibel werktreu verhält sich Wiesbadens beste Band, Die Crackers, bei ihrer Fassung von Honky Tonk Women –  Ich kann doch nicht schwimmen –  während die Rodgau Monotones sich in ihrem Glanzstück hessischer Sprachgewalt Du Ferdischer da vom italienischen Original Felicità ein Stück weit entfernen. Unbedingt hörenswert. Alles.

Text Les Cham´s-Elysées (original) zum Nachlesen

Text Les Champs-Elysées (deutsch) zum Nachlesen

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