Hör mal

52 weeks of music – Don’t stop believin‘ von Journey

Jede Woche gibt es hier ein neues Lied, von mir ausgesucht und von meinem Schatz in einem Gastbeitrag beschrieben/besprochen. Daraus entstehen dann 52 Weeks of Music. Die gesamte Playlist gibt es schon auf Spotify (52 weeks of music). Alle Beiträge hier im Blog findet ihr unter 52weeksofmusic.

Woche 52: Journey, Don´t stop believin´

Link bei Spotify

Strangers waiting,
up and down the boulevard
Their shadows searching in the night
Streetlights people,
living just to find emotion
Hiding, somewhere in the night

Lieber Steve Perry,

auf was für Ideen kommst Du denn so, nachts im Hotel?

Stellen wir uns die Szenerie so vor: Journey ist Ende der 70er, Anfang der 80er eine mäßig erfolgreiche Band. Zu einem Top 20 Hit hat es gereicht, nicht mehr und nicht weniger. 1980 touren sie durch die USA und machen in Detroit – schon damals auf dem absteigenden Ast – für ein paar Shows halt. Nach einem dieser Gigs und mit noch ein paar weiteren Abenden vor der Brust sitzt Steve Perry, der Sänger der Combo, am Hotelfenster und schaut sinnierend nach draußen. Und da sieht er, wie Menschen in den Lichtkegel einer Straßenlaterne treten und denkt sich dabei „Out of the dark, into the light“, dabei ist Falcos posthumer Erfolg noch Jahrzehnte entfernt und deshalb hier zu vernachlässigen. Zurück nach Detroit. Die Nachtmenschen durchmessen das erhellte Rund, nur um am anderen Ende wieder ins Dunkel der Nacht zurückkehren. Das hat schon was Profundes und auch Steve Perry hat sich seine Gedanken dazu gemacht: Straßenlicht. Leute. Und daraus wurden die „streetlight people“ aus dem Song und das Songwriting zu „Don’t stop believin'“ nahm seinen Lauf… Manchmal reichen ganz einfache Dinge und sehr simple Gedanken, um Meisterwerke zu schaffen.

Damit ist unmissverständlich klargestellt, wofür ich „Don’t stop believin'“ halte: Für ein Meisterwerk. Hundertfach in der Popkultur zitiert, als Soundtrack verwendet und gecovert und selbst eigentümliche Coverversionen, die so ähnlich klingen wie der Gesang der Inhaberin dieses Blogs und Urheberin von „52 weeks of music“ (ihre eigenen Worte, nicht meine) können der herausragenden Qualität dieses Songs nichts anhaben.

Aber lasst uns am Anfang beginnen. Die Wirkung beginnt schon bei der einleitenden Klavierpassage. Jonathan Cain, Tasteninstrumentalist bei Journey, beschreibt es als „Öffnen eines Buches“. O-kay, dann weiter mit dem ersten Kapitel.

Just a small town girl
living in a lonely world
She took the midnight train going anywhere

Das Broadway-Musical „Rock of Ages“ (ja, ehrlich, ich erwähne hier ein Musical, aber das passiert mir nur einmal und dann auch nur mit diesem, weil es wirklich klasse ist und ich mich bis heute fragen, warum wir bei unserem einzigen New York-Besuch so far nicht da rein gegangen sind, so habe ich nur den Film mit einem brillanten Tom Cruise gesehen und ja, auch das muss man sich erstmal sagen trauen) nimmt diese Songzeile nahezu wörtlich und zeigt die Reise einer jungen Frau vom Lande in die große Stadt mit dem großen Traum, Sängerin zu werden, aber erstmal lässt sie sich ihre Plattensammlung klauen und da die Handlung in den 80ern spielt, war das wirklich ihr Einundalles und nicht nur so eine Hipster-Laune. Es geht nicht gut weiter, sie muss erstmal kellnern (wenigstens nicht strippen) und trifft da aber ihren Herzbuben und blablabla, am Ende singen sie zusammen – richtig, „Don’t stop believin'“. Das ist dann aber eine andere Geschichte. Stichwort Herzbube:

Just a city boy
born and raised in South Detroit
He took the midnight train going anywhere

Genau, der kam vorher auch aus irgendeinem Kaff und weil Steve Perry – wir erinnern uns – ja am Hotelfenster in Detroit saß, ist es eben Detroit. Hätte bei einem anderen Tourplan und phonetisch auch Illinois sein können. War es aber nicht und wenn wir schon dabei sind, die Lyrics zu verstehen, dann kann ich auch gerade nachschieben, warum es nicht um Nord- oder West- oder Ost-Detroit, sondern um „South Detroit“ geht. Das erklärt Steve Perry am besten selbst: „I ran the phonetics of east, west, and north, but nothing sounded as good or emotionally true to me as South Detroit, the syntax just sounded right. I fell in love with the line.“ Lässt sich auch geil singen und hundert-, gar tausendfach wird bei Sportereignissen in und um Detroit das Stadionradio leiser gedreht, damit alle bei dieser Passage mitsingen können. Dass es South Detroit gar nicht gibt, spielt dabei keine Rolle. Petitessen, weiter im Text:

A singer in a smoky room
A smell of wine and cheap perfume

Ah, die Achtziger. Ein verrauchter Raum, in dem ein heruntergekommener oder emporstrebender Sänger sich wahlweise seine eh schon angegriffenen Stimmbänder völlig ruiniert oder das charakteristische Timbre – wir denken an Bonnie Tyler oder Axl Rose – erwirbt. Alkoholgeschwängerte Luft, billiges Parfum, nächtliche Freuden des Lebens ganz normaler Leute. Jedenfalls aus der Perspektive eines Musikers, der am Hotelfenster hockt und von oben ein kleines bisschen herabschaut.

It goes on and on and on and on

So isses. Da kommt man ja auch nicht raus, aus dem Trott.  Das ist auch gemeint mit:

Working hard to get my fill

Ein Gruß an die 9-to-5 Arbeiterklasse, die hart arbeitet, um den Stundenzettel vollzubekommen? Oder die am Tresen in einem verrauchten Raum, alkoholgeschwängerte Luft und billiges Parfum (siehe oben) hart daran werkelt, ordentlich voll zu werden? Wer weiß das schon. Jonathan Cain wollte jedenfalls „ein bisschen Springsteen“ in den Song reinbringen. Hätte der Boss den Song nicht höchstselbst 2010 in der Carnegie Hall für den Rainforest Fund gespielt, hätte ich das ein bisschen vermessen gefunden, so geht’s grad noch. A propos geht’s noch:

Some will win, some will lose
Some were born to sing the blues

Kann man unterschreiben. Und so schön in keinem anderen Lied, in keiner anderen Sprache und überhaupt nie mehr texten. Viel mehr kommt dann auch nicht, bis auf den mutspendenden Refrain, der witzigerweise erst und dann auch nur in Endlosschleife am Ende des Liedes nach so ungefähr 3:20 Min. kommt:

Don’t stop believing
Hold on to the feeling
Streetlights people

Da habe ich mir auch immer wieder gesagt und es hat mir Mut gemacht. Und deswegen gibt es diesen Blogbeitrag nach so langer Pause. Weil ich daran festhalte, auch ohne ein aufmunterndes Rückenklopfen, ein paar Worte der Wahrnehmung oder irgendeine Reaktion von Euch da draußen. Ich mache weiter, weil es das Richtige ist. Und weil ich es „jemandem“ versprochen habe. In diesem Sinne: Hört nicht auf, zu glauben. Haltet an dem Gefühl fest. Straßenlichtleute.

Text zum Nachlesen

Musikempfehlung? Ernsthaft?

 

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